Sudan: Emmanuel Jal „War Child“

Emmanuel Jal
*ca. 1980 in Tonj, Südsudan
Künstler, Schauspieler, Aktivist

Biografie

Wann genau Emmanuel Jal geboren wurde, ist nicht bekannt. Vermutlich aber kommt er Anfang der 1980er-Jahre in Tonj im damaligen Sudan, dem heutigen Südsudan, zur Welt. Bei Ausbruch des Bürgerkriegs im Sudan 1983 schließt sich Jals Vater der Rebellenarmee Sudan People’s Liberation Army (SPLA) an. Als Jal etwa sieben Jahre alt ist, wird seine Mutter von Soldaten der staatlichen Armee getötet. Jal wird von Soldaten der SPLA aufgegriffen und in einem äthiopischen Trainingslager zusammen mit anderen Kindern zum Kämpfen ausgebildet. Fünf Jahre lang ist Jal Kindersoldat, bevor ihm mit 400 anderen Kindersoldaten die Flucht gelingt. Gerade einmal zwölf Kinder überleben die Flucht durch den Dschungel in die Stadt Waat, wo Jal von einer Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation aufgefunden und nach Kenia geschmuggelt wird. In Nairobi geht Jal zur Schule, und hier beginnt er auch, Musik zu machen.

2004 erscheint sein erstes Album Gua, es folgten Ceasefire (2005), Warchild (2008), See Me Mama (2012), The Key (2014) und Naath (2018). Seine Erfahrungen als Kindersoldat sind zentrale Elemente seiner Musik; ein erklärtes Ziel seiner Lieder ist es, ein internationales Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Neben der Musik engagiert sich Emmanuel Jal in mehreren Bündnissen gegen den Einsatz von Kindersoldaten. Außerdem wirkte er in mehreren Filmen mit: in der Dokumentation War Child, die sein eigenes Leben beschreibt, sowie als Schauspieler in den Filmen Africa United und The Good Lie. Für sein musikalisches und politisches Engagement wurde er mehrfach ausgezeichnet. Emmanuel Jal lebt heute als Musiker, Schauspieler und Aktivist in Toronto, Canada.

Hintergrund: Kindersoldaten im Sudan und Südsudan

Emmanuel Jal kämpfte, wie viele andere Kinder, im zweiten sudanesischen Bürgerkrieg. Dieser fand zwischen 1983 und 2005 statt. Allen Kriegsparteien wird vorgeworfen, Kinder als Soldaten missbrauch zu haben.  2011 erklärte der Südsudan seine Unabhängigkeit und ist seither ein eigenständiges Land. Doch auch innerhalb des Südsudans kommt es immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen und Oppositionsanhängern. Viele Kinder werden zum Militärdienst gezwungen: 2018 wurde geschätzt, dass 19.000 Jungen und Mädchen in bewaffneten Gruppen im Südsudan kämpfen müssen. Sie werden gezwungen, Menschen zu foltern und zu töten und sind dabei selbst Gewalt ausgesetzt. Berichten zufolge sind die Jüngsten unter ihnen erst 8 Jahre alt. Die Mädchen in der Armee werden häufig Opfer sexuellen Missbrauchs.

Liedtext (Originalsprache und deutsche Übersetzung)

I believe I’ve survived for a reason to tell my story to touch lives I believe I’ve survived for a reason to tell my story to touch lives

All the people struggling down there

Ich denke, der Grund, warum ich überlebt habe, ist, die Leben anderer zu berühren. Ich denke, der Grund warum ich überlebt habe, ist, meine Geschichte erzählen zu können.

All die Menschen, die dort ums Überleben kämpfen

Storms only come for a while
Then after a while they’ll be gone

Blessed, blessed

Gewitter ziehen nur für eine Zeit auf, dann ziehen sie weg
Gesegnet, gesegnet.

My father was working for the government as a policeman
Few years later I heard he joined a rebel movement that was formed to fight for freedom

Mein Vater arbeitete als Polizist für die Regierung. Ich habe gehört, dass er ein paar Jahre später zu einer Rebellengruppe ging, die gegründet wurde, um für die Freiheit zu kämpfen.

I didn’t understand the politics behind all this ‘cause I was only a child. After a while I saw the tension rising high between the Christian and the Muslim regime

Ich verstand die Politik hinter all dem nicht, denn ich war nur ein Kind. Nach einiger Zeit sah ich, wie die Spannung zwischen dem christlichen und dem muslimischen Regime wuchs.

We lost our possession
My mother, my mother’s mother suffered depression and because of this…
I was forced to be a war child
I’m a war child (ane ge kore, kore*)
I’m a war child (ane ge kore, kore*)

Wir verloren unseren Besitz. Meine Mutter, die Mutter meiner Mutter litten unter Depressionen und wegen all dem

War ich gezwungen, ein Kind des Krieges zu sein. Ich bin ein Kind des Krieges (ane ge kore, kore*)

I believe I’ve survived for a reason to tell my story to touch lives

I lost my father and mother in this battle
My brothers too perished in this struggle All my life I’ve been hiding in the jungle The pain I’m cutting is too much to handle Who’s there please to light up my candle Is there anyone to hear my cry.
* South Sudanese dialect, translation: ‘and I’m crying, crying’

Ich denke, der Grund warum ich überlebt habe, ist, die Leben anderer zu berühren.
Ich habe meinen Vater und meine Mutter in diesem Kampf verloren. Auch meine Brüder sind in diesem Krieg verschwunden. Mein ganzes Leben habe ich mich im Wald versteckt. Der Schmerz ist zu viel, um damit umgehen zu können. Ist hier irgendjemand, der eine Kerze anzündet, irgendjemand, der mein Schreien hört?
*Süd-sudanesischer Dialekt, deutsch: „und ich weine, ich weine“