Syrien: Khebez Dawle „Beta’ammer“

Khebez Dawle
Anas Maghrebi, Gesang (*1989); Bachi Darwish, Gitarre (*ca. 1990); Hekmat Qassar, Keyboard/Gitarre (*ca. 1990); Muhammad Bazz, Bass (*ca. 1990); Dani Shukri, Schlagzeug seit 2016 (*ca. 1990

Biografie

Khebez Dawle (deutsch: Brot des Staates) ist eine Post-Punk-Band, deren Mitglieder alle aus Syrien stammen. Nach Ausbruch des Bürgerkrieges 2011 verlassen Anas, Bachi, Hekmat und Muhammad nacheinander ihre Heimat: Anas entschließt sich, Syrien zu verlassen, nachdem der Schlagzeuger seiner damaligen Band getötet wird. Hektmat und Muhammed fliehen, um nicht zur Armee eingezogen zu werden. Bashar dient zu diesem Zeitpunkt bereits in der Armee und desertiert. In Beirut/Libanon lernen sich die vier kennen und beginnen, als Khebez Dawle zusammen Musik zu machen. Zwei Jahre leben sie in Beirut. Doch die kleinen Erfolge, die sie dort als Musiker haben, können langfristig nicht über die systematische Benachteiligung syrischer Geflüchteter hinwegtäuschen. Sie entscheiden sich, weiterzuziehen. Da die Rückkehr nach Syrien keine Option ist, machen sie sich auf den Weg in die Türkei und von dort über das Mittelmeer nach Griechenland. Über Mazedonien, Serbien und Kroatien (die sogenannte „Balkanroute“) erreichen die vier schließlich Deutschland, wo sie Asylanträge stellen. 2014 erscheint das Album „Khebez Dawle“, in dem die Künstler ihre Perspektive auf den Arabischen Frühling schildern. Viele Texte handeln von der gescheiterten syrischen Revolution. Mit ihrer Musik wollen sie ein Bewusstsein dafür schaffen, was in Syrien passiert, die Gräben zwischen Geflüchteten und Menschen in den Ankunftsländern überwinden – und eine Stimme sein für diejenigen Syrerinnen und Syrer, die nicht gehört werden.

Hintergrund: Flucht aus Syrien

Seit Beginn des Syrischen Bürgerkrieges 2011 sind 11,7 Millionen Menschen vor Kriegshandlungen geflohen. 6,1 Millionen sind innerhalb Syriens auf der Flucht, weitere 5,6 Millionen haben das Land verlassen, viele von ihnen in die Nachbarländer Libanon und Türkei. In den großen Flüchtlingscamps sind die Lebensbedingungen oft katastrophal: neben mangelhafter Grundversorgung machen das Leben auf viel zu engem Raum und lähmende Langeweile den Menschen zu schaffen. Auch in den Städten ist das Leben für die Geflüchteten nicht einfach – ohne Zugang zum Arbeitsmarkt oder zum Bildungssystem sind ihre Perspektiven extrem begrenzt. Viele machen sich von dort auf den Weg nach Europa. Bis 2015 gelangten viele über die sogenannte westliche Balkanroute nach Europa: über Griechenland (oft in unsicheren Booten) weiter nach Nordeuropa über Mazedonien, Serbien, Kroatien und/oder Ungarn. Repressionen durch Grenzbeamtinnen und Grenzbeamte, die körperliche Anstrengung der oft zu Fuß zurückgelegten Wege und gewaltsame Übergriffe (oft durch staatliche Akteure) sind allgegenwärtige Gefahren auf dem Weg. Seit der de-facto-Schließung der Balkanroute 2016 weichen die Geflüchteten auf andere, nicht minder gefährliche Routen aus.

Liedtext (Originalsprache und deutsche Übersetzung)

قتلوني و لاموني لإني حكيت
من بعد ما مشيت طول عمري الحيط الحيط
سألوني شو يلّي تغير فيك ؟
حتى الخبز و النوم ما عاد يكفيك

Sie haben mich getötet! Und mich dann angeklagt dafür, dass ich es gesagt habe.
Nachdem ich mein Leben lang neben den Wänden gelaufen bin.
Sie fragten mich: „Was hat sich in dir verändert? Warum reichen Brot und Schlaf für dich nicht mehr?“

الخبز ما بعيّش و النوم ما بفيّق إنسان
و الروح الحرة بتعمّر أوطان

Brot gibt Menschen kein Leben, Schlaf weckt sie nicht auf.
Und die freie Seele baut ein Zuhause.

ملّيت من الكذب خلينا نكون واضحين
ب زمانو الظلم ما بميّز لون أو دين
بالعتمة ما بيعيش إلا ضحية و سجان
و الروح الحرة بتعمّر أوطان

Ich habe genug Lügen gehört, also lasst uns ganz klar sein. Ungerechtigkeit und Unterdrückung kennen keine Farbe und keine Religion. In der Dunkelheit gibt es kein Leben außer für ein Opfer und seinen Peiniger.
Und die freie Seele baut ein Zuhause.

بالعتمة ما بيعيش إلا ضحية و سجان
و الروح الحرة بتعمّر أوطان

In der Dunkelheit gibt es kein Leben außer für ein Opfer und seinen Peiniger.
Und die freie Seele baut ein Zuhause.